1. Mythos:
Deutschland benötigt keine ausländischen Arbeitskräfte

Immer wieder heißt es, Deutschland könne seinen Arbeitskräftebedarf aus eigener Kraft decken. Der Fachkräftemangel sei übertrieben oder vor allem ein Interesse der Wirtschaft.

Die Fakten sprechen dagegen.

Deutschland altert. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, während deutlich kleinere Jahrgänge in den Arbeitsmarkt nachrücken. Ohne Wanderungen würde das Erwerbspersonenpotenzial bis 2060 bei gleichbleibender Erwerbsbeteiligung um rund 16 Millionen Menschen bzw. 35 Prozent sinken.[1]

Zuwanderung ist deshalb schon heute ein wichtiger Teil des deutschen Arbeitsmarktes. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit wird das Beschäftigungswachstum in Deutschland seit 2024 ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen.[2]

Dabei geht es nicht nur um hochqualifizierte Fachkräfte. Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in vielen Bereichen stark vertreten. 2024 hatten 26 Prozent der abhängig Beschäftigten eine Einwanderungsgeschichte. In einigen Berufen lag der Anteil deutlich höher – etwa bei Köchinnen und Köchen sowie in der Lebensmittelherstellung bei jeweils 54 Prozent.[3]

Arbeitskräfte wandern dorthin, wo sie gebraucht werden

Der Migrationsforscher Hein de Haas weist auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Arbeitsmigration entsteht auch durch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Wo Unternehmen Arbeitskräfte suchen und Menschen aus anderen Ländern dort Arbeit finden können, entstehen Anreize zur Migration.[4]

Das bedeutet: Deutschland braucht nicht nur Arbeitskräfte aus dem Ausland – Deutschland muss auch attraktiv genug sein, damit sie kommen und bleiben.

Eine Willkommenskultur ist deshalb mehr als ein freundlicher Umgangston. Schnelle Behördenverfahren, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Sprachförderung, gute Arbeitsbedingungen und eine realistische Chance, sich hier dauerhaft eine Existenz aufzubauen, sind auch Standortfaktoren. Deutschland steht bei der Gewinnung von Arbeitskräften im Wettbewerb mit anderen Ländern.[5]

Zuwanderung allein reicht nicht

Das bedeutet nicht, dass Deutschland jedes Arbeitsmarktproblem durch Einwanderung lösen kann oder sollte.

Deutschland muss gleichzeitig mehr Menschen ausbilden, die Erwerbsbeteiligung erhöhen, bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen, ältere Menschen länger im Arbeitsleben halten und Produktivität und Automatisierung vorantreiben.[6]

Die Alternative lautet deshalb nicht „Deutsche oder Ausländer“. Deutschland braucht beides: eine bessere Nutzung des eigenen Arbeitskräftepotenzials und gezielte, gut gesteuerte Zuwanderung.

Fazit

Deutschland kann Zuwanderung steuern. Es kann festlegen, wer unter welchen Bedingungen zum Arbeiten einwandern darf.

Was Deutschland aber nicht kann: den demografischen Wandel einfach wegregeln.

Ohne ausländische Arbeitskräfte wird es deshalb deutlich schwieriger, den zukünftigen Arbeitskräftebedarf zu decken.

Quellen

[1] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): „Zuwanderung von Fachkräften“.
Das IAB berechnet bei konstanter Erwerbsbeteiligung und ohne Wanderungen einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials bis 2060 um rund 16 Millionen Personen bzw. 35 Prozent.
(iab.de)

[2] Bundesagentur für Arbeit (2026): „Beschäftigungswachstum wird von ausländischen Arbeitnehmern getragen“.
Die BA zeigt, dass das Beschäftigungswachstum seit 2024 ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen wird.
(arbeitsagentur.de)

[3] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025): „Beschäftigte mit Einwanderungsgeschichte 2024 in vielen Engpassberufen überdurchschnittlich vertreten“.
26 Prozent der abhängig Beschäftigten hatten 2024 eine Einwanderungsgeschichte; in mehreren Engpassberufen lag der Anteil deutlich höher.
(destatis.de)

[4] Hein de Haas (2025): The need for a new migration paradigm.
De Haas beschreibt die Nachfrage nach Arbeitskräften als einen wichtigen Faktor für Arbeitsmigration.
(heindehaas.substack.com)

[5] OECD (2025): OECD Economic Surveys: Germany 2025 – Addressing skilled labour shortages.
Die OECD betont unter anderem die Bedeutung einer besseren Nutzung des inländischen Arbeitskräftepotenzials und der Gewinnung qualifizierter Zuwanderer.
(oecd.org)

[6] OECD (2025): OECD Economic Surveys: Germany 2025.
Die OECD nennt unter anderem höhere Erwerbsbeteiligung, bessere Bildung und Ausbildung sowie Produktivitätssteigerungen als wichtige Antworten auf den Arbeitskräftemangel.
(oecd.org)